Schweizer Humor gegen die zunehmende Seichtheit Zürich, Bernhard-Theater – Der Albaner ist ein rücksichtsloser Raser, der, wenn er den Fahrausweis nicht gerade bei der Polizei deponiert hat, den braven Schweizern die Vorfahrt abschneidet. Dieses Bild wollte der 20-jährige Bendrit Bajra, nicht so athletisch gebaut wie die albanischstämmigen Fussballer unseres Landes, korrigieren: Als er kürzlich in einer langen Schlange in der Migros Schwamendingen stand und hinter sich einen der wenigen Schweizer entdeckte, bot er ihm freundlich an, zu überholen
und vor ihm zu bezahlen. Doch dieser wollte nichts davon wissen: «Nein danke, so Typen wie dich hab ich lieber
im Blick.» Der Applaus brandet Bendrit Bajra entgegen. Er lächelt schüchtern, macht ein Selfie mit dem Publikum und grüsst seine Mutter im Saal. Grosser Abgang. Nicht alle Pointen waren so gelungen wie diese an der Premiere von «Stand up!», dem neuen Programm der «besten Schweizer Comedians» JoM von Mutzenbecher, Charles Nguela, Stefan Büsser, Michael Elsener und eben Bendrit Bajra. Das lag daran, dass manche Texte zu lang und zu wenig fokussiert waren – Schwächen, die sich auf der Tour noch beheben lassen. Die Imitationen von Stimmen aber, wie dies der Moderator Elsener mit seinem Radiostück am Schluss des zu langen Abends zeigte, funktionierten bestens. Toll auch Büsser und von Mutzenbecher, die sich über die dümmliche, lallende Sprechweise von Bachelor Vujo Gavric lustig machten. Ein Abend wie «Stand up!» wirkt wie ein Heilmittel gegen die Seichtheit, die um sich greift. Dank des klugen Humors, den diese Comedians verbreiten, lässt sich manches leichter ertragen.

Guido Kalberer, Tagesanzeiger 26. Okt 2016, Seite 30

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